Saigon

„Saigon. Shit. I’m still only in Saigon.“

Ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme. Aber Captain Willard hätte nicht falscher liegen können. Ich würde sagen:

„Thank God, it’s Saigon.“

Ich war gerade mal eine halbe Stunde dort in einem Reisebus unterwegs, der uns am Flughafen abgeholt hat, und war schon schwer verliebt. So viel Leben. Es war dunkel, ein heftiger Regenschauer hatte die Luft gereinigt und war abgezogen, da erwachte schon wieder das Leben auf den Straßen. Unser Bus hatte einige Mühe, sich seinen Weg durch die mit Motorrollern überfüllten Straßen zu bahnen.

Zwei Nächte sollten wir hier in einem sehr netten Hotel direkt in der Innenstadt von Saigon verbringen, welches passenderweise auch gleich Saigon Hotel hieß. Mich zog es allerdings direkt nach der Ankunft im Hotel schon wieder raus auf die Straße, hinein in das turbulente Nachtleben Saigons, mit seinen Lichtern, Menschen, Motorrollern und Straßenküchen. Ich fühlte mich hier richtig angekommen.

Mein Fotografenherz schlug richtig höher. Street Photography meets Night Shooting! Und wie geschrieben, zum Glück waren wir zwei Nächte hier. Ich musste also nicht alles am ersten Abend sehen.

Bưu điện, Ehemaliges Postgebäude aus dem 19. Jahrhundert

Bưu điện
Ehemaliges Postgebäude aus dem 19. Jahrhundert, von außen und innen.

Bưu điện, Ehemaliges Postgebäude aus dem 19. Jahrhundert

Zeitreise im Herzen von Saigon: Ein Vormittag im Wiedervereinigungspalast

Es gibt Orte, an denen die Geschichte nicht in staubigen Büchern steht, sondern in der Luft liegt. Der Wiedervereinigungspalast in Ho-Chi-Minh-Stadt ist genau so ein Ort. Wenn man durch das schmiedeeiserne Tor tritt, lässt man das hupende Chaos der Millionenmetropole hinter sich und betritt eine Kulisse, die seit den 1970er-Jahren fast unberührt scheint.

Es gibt Orte, an denen die Geschichte nicht in staubigen Büchern steht, sondern in der Luft liegt. Der Wiedervereinigungspalast in Ho-Chi-Minh-Stadt ist genau so ein Ort. Wenn man durch das schmiedeeiserne Tor tritt, lässt man das hupende Chaos der Millionenmetropole hinter sich und betritt eine Kulisse, die seit den 1970er-Jahren fast unberührt scheint.

Schon der Anblick der Fassade ist ein Statement: Kühner Modernismus der 60er, klare Linien, eine Architektur, die Macht und Fortschritt ausstrahlen sollte. Doch das wahre Erlebnis beginnt im Inneren. Man wandelt durch riesige, lichtdurchflutete Säle mit schweren Teppichen und roten Samtsesseln, vorbei an Konferenztischen, an denen einst über das Schicksal einer ganzen Nation entschieden wurde.

Es ist diese bizarre Mischung aus Eleganz und Melancholie, die den Palast so besonders macht. Man hat das Gefühl, die Diplomaten von damals könnten jeden Moment mit einer Zigarre in der Hand um die Ecke kommen.

Abstieg in die Unterwelt

Der eigentliche Gänsehaut-Moment wartet jedoch im Keller. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Oben der Prunk, unten der nackte Überlebenskampf. Der Bunker ist ein Labyrinth aus engen Gängen und verstärkten Betontüren. Hier stehen sie noch, die alten Funkgeräte, Fernschreiber und riesigen Landkarten, auf denen die Stellungen des Vietnamkriegs markiert sind. Die stickige Luft und das matte Licht lassen einen die Anspannung der letzten Kriegstage förmlich spüren. Es ist der authentischste Teil des Palastes.

Durch die Trang Tử zum Binh Tay Market (Chợ Bình Tây)

Rund um die Trang Tử und dem daran anschließenden Binh Tay Market kann man so ziemlich alles kaufen, was das Herz begehrt. Bunt, eng, quirlig und voller ungewohnter Gerüche und Einsichten. Ich liebe es durch die Gassen und die angeschlossenen Markthallen zu schlendern und das Treiben einfach auf mich einwirken zu lassen. Ich hoffe doch sehr etwas von dieser Atmosphäre mit meinen Bilder vermitteln zu können.

Miếu Bà Thiên Hậu – Weihrauch und Legenden: Ein Besuch in der Thien Hau Pagoda

Wenn man den Trubel von Saigon für einen Moment vergessen will, sollte man man nach Cholon abtauchen. Inmitten der wuseligen Gassen von Chinatown verbirgt sich ein Juwel, das einen sofort in eine andere Welt zieht: Die Thien Hau Pagode. Sie ist eine der ältesten und bedeutendsten Tempelanlagen der Stadt und der Meeresgöttin Mazu gewidmet.

Ein Fest für die Sinne

Schon am Eingang schlägt einem der Duft von Sandelholz entgegen. Das Besondere an Thien Hau sind die riesigen, spiralförmigen Räucherkringel, die von der Decke hängen. Sie brennen tagelang und hüllen den Innenhof in einen dichten, mystischen Nebel. Das Sonnenlicht bricht sich in den Rauchschwaden und erzeugt Lichtkegel, die fast surreal wirken – ein absoluter Traum für jeden Fotografen.

Die Liebe zum Detail

Man sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, den Blick nach oben zu richten. Die Dächer und Simse sind mit unglaublich detaillierten Porzellanfiguren geschmückt. Diese bunten Dioramen erzählen Geschichten aus der chinesischen Mythologie und dem Alltag des 19. Jahrhunderts. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Handwerkskunst der kantonesischen Einwanderer hier überdauert hat.

Ein lebendiger Ort des Glaubens

Thien Hau ist kein Museum, sondern ein pulsierender Ort der Spiritualität. Man sieht Einheimische, die kleine gelbe Zettel mit ihren Wünschen an die Räucherspiralen heften oder Opfergaben darbringen. Es ist diese Mischung aus tiefer Andacht und der kunstvollen Architektur, die den Tempel so lebendig macht.

Night Shootings – Teil 2

Unser Ausgangspunkt für das folgende Night Shooting war das Landmark 81 im Vincom Center. Das Landmark 81 ist das markanteste Gebäude in Saigon und ein Symbol für den modernen Aufstieg Vietnams. Mit 461,2 Metern ist es das höchste Gebäude Vietnams. Wie der Name besagt hat das Gebäude 81 Stockwerke. Wir haben uns mit dem Taxi dorthin bringen lassen und haben uns ein Ticket für die beiden Aussichtsetagen gekauft. Leider, leider, leider ist die Aussicht nur durch Glasscheiben möglich. Damit sind gute Fotos quasi unmöglich, da die Scheiben das Innenlicht reflektieren bzw. brechen und zudem recht verdreckt sind. Ein LensSkirt oder eine dunkle Jacke helfen hier aufgrund des sehr dicken Sicherheitsglases nur bedingt. Zum Glück hatte ich die Möglichkeit, von einer Bar auf dem gleichen Stockwerk aus, einige Bilder im Freien zu schießen, wobei mir zwei tolle Aufnahmen gelungen sind.

Anschließend sind wir mit der Metro bis zur Cầu Ba Son gefahren, einer spektakulären Brücke über den Saigon Fluss, um von dort aus, langsam ins Hotel zurück zu schlendern.

Mit diesen tollen Eindrücken haben wir Saigon dann leider nach zwei Tagen wieder verlassen müssen. Unser Programm hier war leider schon beendet und es stand die Erkundung des Mekong-Deltas an.

Unterwegs auf dem Mekong

Südlich der pulsierenden Metropole Saigon offenbart sich eine völlig andere Welt: Das Mekong-Delta. Wo der mächtige Strom in unzählige Seitenarme und Kanäle zerfällt, bestimmt nicht der Asphalt, sondern das Wasser den Takt des Lebens. Es ist eine Landschaft in sattem Grün, geprägt von Reisfeldern, Obstplantagen und einer ständigen, sanften Brise, die über die Ufer weht.

Das beeindruckendste Merkmal des Deltas ist zweifellos die unüberschaubare Anzahl an kleinen Booten, die das verzweigte Wasserstraßennetz wie Ameisenstraßen bevölkern. Hier ist das Boot nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern das Rückgrat der gesamten Region.

Das Mekong-Delta zu bereisen bedeutet, sich auf die Langsamkeit einzulassen. Während man in den kleinen Kanälen unter dem dichten Dach der Wasserpalmen hindurchgleitet, versteht man schnell, warum der Mekong hier ehrfürchtig der „Fluss der neun Drachen“ genannt wird. Es ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus geschäftigem Treiben auf den Booten und der unerschütterlichen Ruhe der Natur.

Die Seele des Schiffes – Warum Boote in Vietnam „sehen“ können

Wer auf den Wasserwegen des Mekong-Deltas unterwegs ist, dem fällt sofort ein kurioses Detail an fast jedem Holzboot auf: Am Bug prangen zwei große, weit aufgerissene Augen. Diese Tradition ist weit mehr als nur Dekoration, sie ist tief im spirituellen Glauben der Flussbewohner verwurzelt.

Die Zeremonie des „Augenöffnens“ (Lễ Khai Mắt) ist für Schiffsbauer ein heiliger Akt. Erst wenn die Augen aufgemalt sind, gilt das Boot als beseelt. Man glaubt, dass das Boot so den Weg nach Hause findet, selbst wenn der Nebel dicht oder die Nacht tiefschwarz ist. Diese „Augen“ sollen laut lokaler Tradition böse Wassergeister abschrecken und den Fischern eine sichere Heimkehr garantieren.

Der Ursprung dieser Bemalung reicht Jahrhunderte zurück. Die Fischer und Händler glaubten (und glauben teils heute noch), dass im trüben Wasser des Mekong gefährliche Wassergeister, riesige Fische oder Krokodile lauern. Indem man dem Boot Augen verleiht, verwandelt es sich in ein lebendiges Wesen. Das Boot wird zu einem großen „Fisch“, der Raubtiere abschreckt und Hindernisse im Wasser frühzeitig erkennt.

Das „Weiße Gold“ Vietnams

Zu Gast in den fensterlosen Häusern der Schwalben „Swallow’s Nests“

Wer durch vietnamesische Küstenstädte oder das Mekong-Delta reist, dem fällt früher oder später ein seltsames architektonisches Phänomen auf: Massive, fensterlose Betonbauten, aus deren Inneren ein ständiges, lautes Zwitschern dringt. Nein, hier wohnen keine Geister – hier wird eines der teuersten Lebensmittel der Welt produziert: Schwalbennester.

Kulinarischer Luxus aus Speichel

Was für uns im ersten Moment gewöhnungsbedürftig klingt, gilt in Vietnam (und ganz Asien) als Inbegriff von Gesundheit und Status. Die Nester der Eisvogel-Schwalben bestehen nämlich nicht aus Zweigen oder Schlamm, sondern fast ausschließlich aus dem getrockneten Speichel der Vögel.

In der traditionellen Medizin werden sie als Jungbrunnen verehrt:

  • Gut für die Haut: Sie sollen die Kollagenbildung anregen.
  • Stärkung des Immunsystems: Besonders nach Krankheiten ein Muss.
  • Edle Textur: In einer „Bird’s Nest Soup“ entfalten die Nester eine gallertartige, zarte Konsistenz, die den Geschmack der feinen Brühe aufnimmt.

Die „Swiftlet Hotels“: High-Tech für die Vögel

Früher war die Ernte lebensgefährlich, da Sammler in schwindelerregenden Höhen in natürlichen Höhlen an Felswänden kletterten. Heute hat Vietnam die Zucht professionalisiert. Die markanten Gebäude ohne Fenster sind im Grunde künstliche Höhlen.

  • Perfektes Klima: Im Inneren kontrollieren Sensoren die Luftfeuchtigkeit und Temperatur, um die Bedingungen einer Kalksteinhöhle exakt zu simulieren.
  • Nachhaltigkeit: Im Gegensatz zur Wildernte wird hier streng darauf geachtet, dass die Nester erst eingesammelt werden, wenn die Jungvögel flügge sind und das „Haus“ verlassen haben.
  • Akustische Lockrufe: Die lauten Vogelstimmen, die man auf der Straße hört, kommen oft aus Lautsprechern, um die Schwalben in das Gebäude zu locken.

Ein teures Vergnügen

Ein Kilo dieser Nester kann je nach Qualität mehrere tausend Euro kosten. In vietnamesischen Städten findet man spezialisierte Boutiquen, die die Nester in edlen Boxen verkaufen – oft teurer verpackt als feinster Schmuck.

Auf dem Bild unterhalb in der Mitte sieht man im Hintergrund eines dieser speziellen Häuser, die speziell für die Eisvogel-Schwalben gebaut wurden.

Unsere Reise hat uns einen ganzen Tags ins Mekong-Delta geführt. Mit einem dieser kleinen Fußtaxi-Boote, welches selbstverständlich auch mit Augen am Bug versehen war, haben wir diese Gegend von der Flussseite aus erkundet. Auf unserem Weg passierten wir viele Frachtschiffe die Kokosnüsse transportiert haben, aber auch einige Fischerboote. Gestoppt haben wir bei einer traditionellen Ziegelei (Lò Gạch Phú Tự), die Lehmziegel formte und brannte. Wir haben gesehen, wie Bastmatten hergestellt werden, welche als Ersatz zu einer für unsere verwöhnten Knochen gewohnten Matratze verwendet werden. Und wir konnten Einblicke in die Herstellung von Kokosbonbons gewinnen (Thanh Thanh Coconut Candies).

Eine andere Spezialität, die speziell im Mekong-Delta angeboten wird, ist der Schlangenschnaps. Der Schlangenschnaps (Rượu rắn) im Mekong-Delta ist weit mehr als nur ein gruseliges Souvenir für Touristen – er ist tief in der traditionellen vietnamesischen Medizin verwurzelt. Er wird oft als natürliches Aphrodisiakum betrachtet, soll aber auch gegen Rheuma, Arthritis und Muskelschmerzen helfen. Als Tourist sollte man sich allerdings hüten eine dieser Flaschen bestehen aus Reisschnaps und einer einlegten Schlange (Mazeration) zu kaufen. Die darin befindliche Giftschlange, meist eine Kobra oder Krait, fällt unter das europäische Artenschutzabkommen und darf daher nicht eingeführt werden. Nicht so dramatisch finde ich, denn der heilmedizinische Wert ist sowieso sehr fraglich.

Viel schöner und leckerer fand ich eine andere Spezialität, die einem am Mekong auch immer wieder angeboten wird – den gebratenen Elefantenohrfisch (siehe Bild unten). Diesen, und andere örtliche Speisen bekamen wir in dem wirklich klasse gelegenen vietnamesischen Restaurant „Nhà Hàng Xứ Dừa“ serviert, welches unser Reiseleiter hervorragend ausgesucht hatte.

Zum Abschluss und mit vollem Bauch hat uns dann, auch den immer enger werdenden Wasserwegen Rechnung tragend, das vietnamesische Pendant zu einem Gondoliero, in aller Gemütlichkeit zum Treffpunkt mit unserem Bus gebracht. Die Nacht haben wir direkt an einem großen Seitenarm des Mekong in der Mekong Lodge verbracht. Dieser Tag und vor allem der Abend wirkten nach dem Trubel in Saigon regelrecht entschleunigend. Und in aller Ruhe sollte es dann auch in Vietnam enden. Am nächsten Tag holte uns zur Mittagszeit unser Bus ab und brachte uns zum internationalen Flughafen nach Saigon, von wo aus wir weiter nach Siem Riep in Kambodscha geflogen sind. Aber über diesen spannenden Teil meiner Reise berichtet ein weiterer Teil dieses Reiseblogs.